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Offener Brief an den Bürgermeister

Schwerte, 17.05.2021
Von Christian Henrichs

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,
sehr geehrte Vorsitzende der Ratsfraktionen,

nun ist es beschlossene Sache: Die Theodor-Fleitmann Gesamtschule soll einen Neubau auf der „grünen Wiese“ bekommen. Ihr Beschluss in der Ratssitzung vom 5. Mai 2021 wurde weitaus nicht einstimmig und gegen den Protest vieler Bürgerinnen und Bürger gefällt. Die Gründe, die gegen einen Neubau sprechen sollten bekannt sein, wurden sie doch hinreichend und z.T. öffentlich diskutiert:

  • Ein Neubau ist nicht alternativlos, auch die Sanierung des TFG am Standort ist möglich.
  • Ein Neubau kostet deutlich mehr als die Sanierung.
  • Ein Neubau versiegelt viele Quadratmeter bewachsener Fläche (Landschaftsschutzgebiete).
  • Ein Neubau – zumindest so wie er in der Wirtschaftlichkeitsanalyse für den Standort Holzen entworfen wurde – verändert das Stadtbild des Stadtteils schlagartig und massiv und erfordert umfangreiche Maßnahmen für die Erschließung des Standortes.

Dabei ist die Stadtkasse alles andere als gefüllt. Die Stadt Schwerte ist seit Jahren überschuldet. Der Präsident der Gemeindeprüfanstalt NRW, Hr. Heinrich Böckelühr, hat in einem mir vorliegendem Schreiben mitgeteilt, dass „die Stadt [Schwerte] die höchsten Schulden je Einwohner aller Vergleichskommunen“ hat. Darüber hinaus werden uns die Nachwirkungen der Corona-Pandemie die nächsten Jahrzehnte zusätzlich belasten.

Schwerte hat überregional den Ruf als Ruhrgebietsstadt im Grünen. Als ich vor 9 Jahren hierherzog, verband ich mit Schwerte die grünen Ruhrwiesen und die Altstadt. Als Bauingenieur waren mir zudem Hoesch und die „Schwerter Profile“ ein Begriff. Mittlerweile sind mir leider auch der Anblick von Hundhausen oder der Stau auf der B236 bekannt. Aber: Den Eindruck einer „Stadt im Grünen“ kann ich dennoch bestätigen; auch oder gerade weil ich in Holzen und nicht z.B. am Ruhrtalradweg wohne. Wenn nun für einen Schulneubau (und andere Bauprojekte) weitere Grünflächen verloren gehen, hat das also nicht nur Auswirkungen auf die unmittelbaren Anwohner, sondern schadet womöglich dem gesamten Ruf der Stadt.

Als Letztes: Warum es in Schwerte weder eine Haupt- noch eine Realschule gibt, erschließt sich mir nicht. Meines Erachtens haben gerade hierin Kinder mit „Startschwierigkeiten“ (Spätzünder, soziale Verhältnisse, Mitrationshintergrund etc.) die Möglichkeit, einfach und gut zu Abschlüssen zu kommen, die sie für einen guten Beruf oder eine weitere Schullaufbahn qualifizieren. Nun gibt es in Schwerte noch vier weiterführende Schulen. Nach der Auflösung der Realschule am Stadtpark und der Umwidmung der Realschule am Bohlgarten in das TFG bieten alle vier die Sekundarstufe II an. Natürlich wünschen wir uns alle schlaue Kinder. Dass es in Schwerte jedoch nur noch Abiturienten und Akademiker geben wird ist jedoch weder realistisch noch erstrebenswert.

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,
sehr geehrte Damen und Herren,

Zur Demokratie gehört der öffentliche Diskurs, das Streiten um die beste Lösung, bei dem die Argumente „Für“ und „Wider“ für alle Bürger nachvollziehbar, z.B. über die Medien, ausgetauscht werden. Zusammen mit den politischen Debatten in den Parlamenten können somit transparente Entscheidungen herbeigeführt werden.

Die Entscheidung für einen Neubau des TFG ist in einem demokratisch legitimierten Parlament, dem Stadtrat, getroffen worden. Die Nachteile dieser Lösung „Neubau“, wie sie oben beschrieben sind, werden Ihnen bekannt gewesen sein und Sie werden sie sorgsam abgewogen haben. Sie sind nach meiner Einschätzung evident, trotzdem haben Sie sich für einen Neubau entschieden.

Den oben genannten Nachteilen steht offensichtlich die Umsetzung des „Pädagogischen Konzeptes“ des TFG (das gem. der Wirtschaftlichkeitsanalsyse auch am alten Standort bedingt umsetzbar ist) entgegen. Leider ist gerade diese wesentliche Grundlage (Pädagogisches K.) der Wirtschaftlichkeitsanalyse der Öffentlichkeit nicht bekannt (ebenso wie weitere Grundlagen, so z.B. das „Raumkonzept“ oder die „Funktionsanalyse“). Was die Konzepte beinhalten und wieso die darin formulierten Vorstellungen von Pädagogik und Didaktik die Bebauung von Landschaftsschutzgebieten erfordern, kann durch die allgemeine Öffentlichkeit also nicht beurteilt werden.

Die in der Ratssitzung vom 5. Mai 2021 getroffene Entscheidung ist daher in meinen Augen weder transparent noch nachvollziehbar. Ich erwarte daher, dass Sie sich, dass sich Politik und Verwaltung (zumindest im Nachgang) detailliert und faktenbasiert zu dem Beschluss erklären. Auch und insbesondere um Politikverdrossenheit und dem Eindruck von „Kungeleien“ sowie den damit einhergehenden Gerüchten „…da will sich jemand ein Denkmal setzen…“, „…wo viel investiert wird kann auch viel verdient werden …“ entgegen zu wirken.

Ich hoffe, dass solche Gerüchte jeglicher Wahrheit entbehren und dass die Entscheidung nur zum Wohle der Schwerter Bürgerinnen und Bürger sowie ihrer künftigen Generationen gefällt wurde, die die Finanzierung des Neubaus werden tragen müssen. Dann nämlich hätten wir einen Stadtrat, um den uns andere Kommunen beneiden würden.

Mit freundlichen Grüßen
Christian Henrichs.

Verteiler: Bürgermeister Hr.  Dimitrios Axourgos, SPD-Fraktion: Fr. Angelika Schroeder, CDU-Fraktion: Hr. Marco Kordt , Grünen-Fraktion: Hr. Bruno Heinz-Fischer, FDP-Fraktion: Fr. Renate Goeke
Es haben geantwortet: Hr. Marco Kordt (CDU), Frau Renate Goeke (FDP) | Stand 24.05.

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